
ABC-Klassen in Hamm: NRW plant Sprachförderung
Das NRW-Schulministerium plant ab 2028 ABC-Klassen für Vorschulkinder mit Sprachdefiziten - auch in Hamm. Experten begrüßen die Sprachförderung, sehen aber noch viele praktische Fragen ungeklärt.
Veröffentlicht: Donnerstag, 15.01.2026 06:09
Hamm: Positive Reaktionen auf neue ABC-Klassen
Das nordrhein-westfälische Schulministerium will ab dem Schuljahr 2028/29 landesweit ABC-Klassen einführen. Diese sollen Kindern im Jahr vor der Einschulung dabei helfen, ihre deutsche Sprachkompetenz zu verbessern. Grund für die neue Maßnahme sind die Ergebnisse der aktuellen Schuleingangsuntersuchungen. Die Grundidee stößt auch in Hamm auf breite Zustimmung bei Bildungsexperten und Wirtschaftsvertretern.
"Dass etwa ein Drittel der Kinder nicht über hinreichende deutsche Sprachkenntnisse verfügt, um später aktiv am Unterricht teilzunehmen" - Dorothee Feller, Schulministerin NRW
Die geplanten ABC-Klassen sollen zweimal pro Woche für jeweils zwei Stunden stattfinden. Dabei werden Grundschullehrkräfte sowie sozialpädagogische Fachkräfte aus der Schuleingangsphase die Förderung übernehmen. Die Teilnahme ist für alle betroffenen Kinder verpflichtend, die Schulanmeldung wird dafür vom Herbst auf das Frühjahr vorverlegt.
Hammer Handwerk sieht Chancen für Ausbildungsreife
Besonders positiv reagiert die Wirtschaft in Hamm auf die geplanten ABC-Klassen. Berthold Schröder, Präsident der Handwerkskammer und Tischlermeister aus Hamm, sieht in der frühen Sprachförderung einen wichtigen Baustein für die spätere Berufsausbildung. Das Handwerk erlebe zu oft, dass Jugendliche nicht über die nötige Ausbildungsreife verfügten. Auch die Lehrerverbände GEW und VBE in Hamm begrüßen grundsätzlich die Initiative des Landes.
"Wir erleben es im Handwerk viel zu oft, dass Jugendliche nicht die nötige Ausbildungsreife mitbringen, weil grundlegende Kenntnisse fehlen, die eigentlich während der Schulzeit erworben werden sollten. Eine frühzeitige Sprachförderung könnte die Bildungschancen dieser Jugendlichen verbessern." - Berthold Schröder, Präsident Handwerkskammer Dortmund
Der Handwerkspräsident betont, dass ausreichende Sprachkompetenzen die Basis für eine erfolgreiche Schulkarriere seien. Besonders auch mit Blick auf Kinder von zugezogenen Fachkräften aus dem Ausland könne das neue Angebot wertvoll sein. Auch das Programm "Rucksack Schule" in Hamm will Sprache und Mehrsprachigkeit bei Kindern fördern.
Praktische Fragen beschäftigen Hammer Schulexperten
Trotz der grundsätzlichen Zustimmung sehen Bildungsexperten in Hamm noch viele ungeklärte praktische Fragen. Thomas Potthoff vom VBE und stellvertretender Leiter der Ludgerischule nennt konkrete Probleme: Wo sollen die ABC-Klassen stattfinden, wenn bereits jetzt viele Grundschulen unter Platzmangel leiden? Wie kommen die Vorschulkinder zur Schule? Wer soll die betroffenen Kinder testen - Kita oder Schule? Potthoff schlägt vor, möglicherweise die Räume der Offenen Ganztagsschule vormittags zu nutzen.
"Wir begrüßen den Vorstoß der Landesregierung. Wir brauchen aber die personellen und sächlichen Ressourcen. Wir haben jetzt schon Stellenmangel gerade im Grundschulbereich." - Thomas Potthoff, VBE und stellvertretender Leiter Ludgerischule
Der Schulexperte betont, dass eine engere Zusammenarbeit zwischen Kitas und Schulen notwendig sei. Außerdem müssten neben sprachlichen auch soziale und mathematische Kompetenzen sowie alltagspraktische Fähigkeiten gefördert werden.
Personalmangel als größtes Hindernis in Hamm
Den größten Knackpunkt sehen die Gewerkschaften beim Personal. Marcel Teiner von der GEW macht deutlich, dass die bereits im System arbeitenden Lehrkräfte und sozialpädagogischen Fachkräfte die zusätzlichen ABC-Klassen nicht auch noch übernehmen könnten. Die GEW begrüßt zwar den Ansatz der Landesregierung, kritisiert aber, dass das Ministerium die notwendigen Konsequenzen aus der Maßnahme nicht ziehe.
"Grundsätzlich begrüßt die GEW das Vorhaben der Landesregierung, der Ansatz ist richtig. Leider versäumt das MSB aber erneut auch die notwendigen Konsequenzen aus dieser Maßnahme zu ziehen. Denn woher das notwendige Personal für diese Förderung kommen soll, bleibt unklar. [...] Die Lehrkräfte und sozialpädagogischen Fachkräfte, die bereits im System arbeiten, können dies nicht auch noch zusätzlich übernehmen." - Marcel Teiner, GEW Hamm
Immerhin: Thomas Potthoff vom VBE zeigt sich optimistisch, dass der relativ lange Vorlauf bis 2028 ausreichen könnte, um die praktischen Probleme zu lösen. Das Land NRW hat bereits angekündigt, die entstehenden Mehrkosten für die kommunalen Schulträger über ein Belastungsausgleichsgesetz zu regeln.
Autor: Rainer Wilkes


