
G9 ab 2026: Was sich jetzt in Hamm ändert
Der letzte G8-Jahrgang in Hamm hat 2025 Abitur gemacht. Der Wechsel zu G9 bringt für Schulen, Ausbildungsbetriebe und Hochschulen große Veränderungen mit sich.
Veröffentlicht: Montag, 08.12.2025 06:19
An Hamms Gymnasien ist G8 endgültig Geschichte
Es war das Ende einer Ära: In diesem Jahr haben die letzten G8-Abiturienten in Hamm ihre Schullaufbahn abgeschlossen. Ab jetzt legen alle Hammer Schüler ihr Abitur planmäßig wieder nach 13 Schuljahren ab. Schwierig wurde es allerdings für die letzten G8-Schüler, die ein Schuljahr wiederholen mussten. Das war ohne Weiteres an den meisten Hammer Gymnasien nicht möglich. Diese Schüler mussten deshalb an das Märkische Gymnasium als Bündelungsschule wechseln. Dort wurde eine exklusive Jahrgangsstufe eingerichtet, in die auch Schüler anderer Schulformen einsteigen konnten, die zur gymnasialen Oberstufe gewechselt sind.
G9-Lehrpläne in Hamm: Kompakter statt umfangreicher
Zum Modellwechsel gehören natürlich auch neue Lehrpläne, die in der aktuellen Oberstufe bereits umgesetzt werden. Anders als viele erwartet hatten, sind die neuen G9-Lehrpläne laut Karsten Holz, Schulleiter des Galilei-Gymnasiums und Sprecher der Hammer Gymnasien, sogar kompakter geworden. Die gewonnene Zeit wird nicht mit deutlich mehr Stoff aufgefüllt. Stattdessen können die einzelnen Themen nun detaillierter und intensiver behandelt werden. Die aktuelle Q1 des Galilei-Gymnasiums, also die zwölfte Jahrgangsstufe, plane bereits jetzt für ihr Abitur 2027 voraus. Mit Schulveranstaltungen und den sogenannten Vofis - den Vorfinanzierungsfeten - sorgen die Schüler schon heute für die Finanzierung ihrer späteren Abiturfeier. Auf die beliebten Schülerpartys muss also in den kommenden Monaten kein Jugendlicher in Hamm verzichten, heißt es aus der Schülerschaft mehrerer Schulen.
"Sie sind menschlich reifer und auch fachlich reifer, weil sie ein Jahr mehr Zeit haben die gleichen Kompetenzen, die sonst erwartet wurden, zu entwickeln, zu entfalten und zu üben. Ich erhoffe mir dadurch eine höhere Verbleibensquote von Absolventen an den Hochschulen." - Karsten Holz, Schulleiter des Galilei-Gymnasiums und Sprecher der Hammer Gymnasien
Mehr und ältere Schüler in Hamm: Räume und Lehrkräfte ausreichend
Mit der neuen Jahrgangsstufe 13 sind natürlich auch mehr Schüler gleichzeitig in den Hammer Gymnasien. Die Frage nach ausreichenden Räumen und Lehrkräften stellt sich damit automatisch. Zumindest am Galilei-Gymnasium sieht Schulleiter Holz hier keine großen Probleme. Für genügend Parkplätze sei gesorgt und auch die verfügbaren Räume gewährleisten bei neun Jahrgängen weiterhin die bisherige Drei- bis Vierzügigkeit. Hintergrund ist, dass viele Gebäude ja bereits vor der Umstellung auf G8 ausreichend gewesen seien. Beim Thema Lehrkräfte kommt allerdings ein besonderes Thema ins Spiel: die Vorgriffsstellen. Das sind Stellen, bei denen die Lehrer nicht nur am Gymnasium unterrichten, sondern auch in anderen Schulformen eingesetzt werden - etwa um dortigen Lehrerbedarf zu decken. Diese aktuell noch geltende Regelung läuft zum 31. Juli 2026 aus. Die Lehrer gehen dann komplett zurück in den Betrieb am Gymnasium, an dem sie eingestellt sind. Die Vorgriffsstellen wurden vorsorglich geschaffen, um den durch den G9-Wechsel erhöhten Lehrerbedarf zu decken.
G9-Schüler in Hamm reifer und besser vorbereitet
Holz selbst stellt aktuell weder eine höhere Arbeitsbelastung, noch eine spürbare Entlastung der Lehrer fest. Zwar gebe es weniger Korrekturen in der Oberstufe, dafür vermehren sich die Vergleichstests in den anderen Stufen. Eine positive Änderung für die Schüler sei die Möglichkeit, alle vorgesehenen Inhalte gründlich zu vertiefen. Da funktioniere das alte G9-Modell einfach besser. Weder im Lehrerzimmer, noch unter den Schülern und Eltern gebe es befürwortende Stimmen für das G8-Modell. Kaum einer trauere dem "Turbo-Abi" nach.
Ein positiver Aspekt aus G8-Zeiten: Gerade beim Einstieg in neue Fächer, wie Latein, zeigten die Schüler mehr Motivation und Lernwille. Besonders was die Studienreife angeht, zieht Holz aber eine deutlich positive Bilanz zum G9-Modell. Die jüngsten Abiturienten im G8-Modell waren zum Zeitpunkt ihres Abschlusses nicht einmal volljährig, heißt es. Wenn es dann zum Studieren in eine neue Stadt ging, konnten sie nicht einmal eigenständig eine Wohnung mieten. Solche Geschichten dürften nun deutlich seltener werden.
Alle ans Märkische? Ansturm auf Bündelungsgymnasium bleibt aus
Trotz der besonderen Rolle als Bündelungsgymnasium ist der befürchtete große Ansturm auf das Märkische Gymnasium Hamm ausgeblieben. Die aktuelle Q2 hat insgesamt 105 Schülerinnen und Schüler - das entspricht grob dem Niveau der Vorjahre. Jens Hieronymus, Oberstufenkoordinator des Märkischen Gymnasiums, erklärt, dass traditionell viele Gesamtschüler und Realschüler für ihr Abitur ans MGH wechseln. Auch in diesem nur leicht kleineren Jahrgang gab es lediglich neun Zugänge von anderen Gymnasien. Die Schule kann weiterhin viele Wahlmöglichkeiten für Leistungskurse anbieten und es herrsche viel Normalität. Insgesamt sei es ein relativ normaler Durchlauf zum Abitur, so Hieronymus. Die Befürchtung einer Überlastung der Bündelungsschule hat sich damit nicht bewahrheitet.
"Ich habe auf jeden Fall genug Zeit zum Lernen mit G9. Im ersten Quartal hatte ich super viel Zeit, in diesem Quartal ist es etwas stressiger. Es gleicht sich gut aus." - Emirhan Yilmaz, Schülersprecher des Märkischen Gymnasiums Hamm
HSHL Hamm bereitet sich auf weniger Erstis vor
Ohne Abiturienten gibt es logischerweise auch deutlich weniger Erstsemester-Studierende als gewöhnlich. Die Hochschule Hamm-Lippstadt geht davon aus, dass sich der Effekt des ausbleibenden Jahrgangs zeitlich verteilen wird. Viele Abiturienten machen heute erst einmal ein Gap Year, bevor sie sich einschreiben, weiß Johanna Bömken, Leiterin im Bereich Kommunikation und Marketing der HSHL. Allgemein wird es für alle deutschen Hochschulen schwer, die Studierendenzahlen stabil zu halten. Die HSHL beruft sich auf ihren Fokus auf MINT-Fächer und hofft, mit diesem Schwerpunkt für sich begeistern zu können. Besonders konzentriert sich die Hochschule nun auf die Ansprache von Abiturienten von Berufskollegs oder aktuelle Azubis, die noch studieren möchten. Für Studieninteressierte besonders interessant: Alle Studiengänge an der HSHL sind zulassungsfrei.
"Es gilt für alle, die 2026 in ihr Studium starten möchten: Alle, die sich einschreiben, können bei uns in der Regelstudienzeit studieren. Gegebenenfalls werden bei kleineren Kohorten Kursangebote zusammen gelegt." - Johanna Bömken, Leiterin Kommunikation und Marketing der HSHL
Hammer Ausbildungsbetriebe kämpfen mit verschärftem Nachwuchsmangel
Bei den Hammer Ausbildungsbetrieben herrscht ohnehin bereits Nachwuchsmangel - nun fällt auch noch ein Großteil der Abiturienten als potenzielle Azubis weg. Die Betriebe müssen sich mehr denn je um neue Auszubildende bemühen. Trotzdem wird wohl der eine oder andere Ausbildungsplatz unbesetzt bleiben, vermutet Kevin Güner, Ausbildungscoach der Kreishandwerkerschaft Hellweg-Lippe. Laut Güner herrscht längst ein Bewerbermarkt - die fehlenden Abiturienten erschweren die Situation für die Betriebe zusätzlich. Viele Betriebe sprechen bereits vermehrt Schüler anderer Schulformen an, wie zum Beispiel Berufskollegsabsolventen. Weniger Azubis bedeuten laut Martin Cyba von der IHK zu Dortmund keinesfalls eine Entlastung für die Betriebe und Ausbilder. Die angebotenen Plätze sollten bestenfalls immer besetzt sein, um eine umfassende Betreuung der Azubis auch bei voller Auslastung zu gewährleisten.
"Es geht gar nicht so darum, ob derjenige jetzt gerade super tolle Noten hat oder nicht, ob er von der Hauptschule kommt oder von der Realschule. Es geht eigentlich darum, ob der Beruf das Richtige für den Bewerber ist. Ob er das Interesse zeigt, den Ausbildungsberuf lernen zu wollen. Die Unternehmen sind offen für alles." - Martin Cyba, IHK zu Dortmund
Autorin: Louisa Ahlers