
Hamm: Besserer Schutz für Kinder vor digitaler Gewalt
Sexualisierte Gewalt im Netz betrifft auch Kinder und Jugendliche in Hamm – Fachkräfte aus Schulberatung, Polizei und Caritas erklären, wie wir gemeinsam vorbeugen und schützen können.
Veröffentlicht: Montag, 29.09.2025 06:00
Sexualisierte Gewalt im Internet: Was bedeutet das?
Jutta Ocklenburg von der Caritas Hamm erklärt, dass viele Fachkräfte noch nicht ausreichend für das Thema sexualisierte Gewalt im Internet sensibilisiert sind. Es fehle oft an konkretem Wissen und klaren Handlungsstrategien, wie mit entdecktem pornografischem Material auf den Handys von Kindern umzugehen ist. Dabei ist Aufklärung und Qualifikation der Schlüssel, um Kinder und Jugendliche besser zu schützen. David Szymura von der Jugendsuchtberatung ergänzt, dass das Thema Digitalität nicht isoliert betrachtet werden darf. Es geht nicht nur um Technik, sondern auch um die sozialen Dynamiken im Netz. Was passiert dort eigentlich? Welche Phänomene wie Sexting (das Versenden oder Empfangen sexueller Inhalte per Handy oder Internet) oder Grooming (das gezielte und geplante Anbahnen sexueller Kontakte zu Minderjährigen durch Erwachsene) sind für Jugendliche besonders gefährlich und wie können wir darauf reagieren?
Diese Gefahren lauern im Internet
Dirk Püttner von der Polizei Hamm nennt konkrete Risiken: Viele Kinder und Jugendliche posten Bilder, ohne zu wissen, wo diese landen. Sie nehmen an gefährlichen Online-Challenges teil oder lassen sich auf Sexting ein – häufig ohne zu begreifen, was das für Konsequenzen haben kann. Pädokriminelle nutzen die Anonymität des Internets, um gezielt Vertrauen aufzubauen. So kommt es zur Weitergabe von Nacktbildern und möglicherweise auch zu Treffen im realen Leben.
Seine Kollegin Nicole Orlowski von der Polizei ergänzt: Jugendliche befinden sich in einer Phase der Identitätsfindung. Ihnen ist oft gar nicht bewusst, dass sie durch ihr Verhalten – etwa durch das Teilen oder Erstellen von pornografischen Inhalten – bereits eine Straftat begehen. Deshalb ist es wichtig, das Thema sexualisierte Gewalt im Netz zu enttabuisieren und gezielt über Risiken wie Grooming aufzuklären. Grooming ist die gezielte Kontaktaufnahme Erwachsener mit Minderjährigen in Missbrauchsabsicht, indem ihr Vertrauen erschlichen wird.
So ist die Situation in Hamm
Laut Nicole Orlowski (Polizei Hamm) ist das Dunkelfeld bei sexueller Gewalt groß, da viele Kinder nicht wissen, dass sie Opfer sind. Dr. Julia Räuber (Schulberatung) sieht Schwierigkeiten bei Familien in Hamm, das Thema anzusprechen. Sie plädiert dafür, Eltern bereits ab der Kita zu stärken und auf die zahlreichen Hilfesysteme in Hamm aufmerksam zu machen.
Das können Eltern in Hamm tun
Die Experten sind sich einig: Eltern müssen ihre Kinder aktiv durch die digitale Welt begleiten – nicht nur kontrollieren. David Szymura von der Jugendsuchtberatung rät, das Medienverhalten der Kinder aufmerksam zu beobachten und im Gespräch zu bleiben:
„Wir lassen unsere Kinder auch nicht allein über eine gefährliche Straße gehen – warum also alleine durchs Netz?“, so sein Vergleich. Auch scheinbar harmlose Spiele können Chatfunktionen enthalten, über die Täter gezielt Kontakt aufnehmen.
Nicole Orlowski von der Polizei verweist auf Studien, die zeigen: Kinder, die sexualisierte Gewalt erlebt haben, versuchen im Schnitt bis zu sieben Mal, sich jemandem anzuvertrauen – und stoßen dabei oft auf Unverständnis oder Ablehnung. Deshalb sei es entscheidend, dass Eltern sensibilisiert werden, um Signale ihrer Kinder überhaupt erkennen zu können. Dirk Püttner von der Polizei Hamm ergänzt, dass Eltern das Gefühl vermitteln sollten, dass das Handy nicht weggenommen wird, wenn Kinder Probleme ansprechen.
Prävention: Wie kann sexuelle Gewalt im Internet verhindert werden?
Prävention beginnt mit Wissen – darin sind sich die Fachkräfte in Hamm einig. Nur wer sich mit den Risiken, aber auch mit den positiven Seiten der digitalen Welt auskennt, kann Kinder und Jugendliche sicher begleiten. David Szymura von der Jugendsuchtberatung betont: Erwachsene müssen sich selbst weiterbilden, um kompetente Ansprechpartner zu sein und Handlungsmöglichkeiten vermitteln zu können.
Ebenso entscheidend ist eine verlässliche Beziehungsebene: Kinder sind vor allem dann geschützt, wenn sie ernst genommen und kontinuierlich begleitet werden – sei es durch Eltern, Lehrkräfte oder Beratungsstellen. Wenn das familiäre Vertrauensverhältnis nicht ausreicht, müssen andere Bezugspersonen erreichbar sein, so Dr. Julia Räuber (Schulberatung).
Jutta Ocklenburg (Caritas) ergänzt: Ein wichtiger Schritt in der Prävention ist, dass Kinder und Jugendliche heute auch ohne ihre Eltern professionelle Hilfe in Anspruch nehmen dürfen – und das aktiv tun. Das erleichtert es, frühzeitig Unterstützung zu bekommen, bevor sich Probleme weiter zuspitzen.
Autorin: Reyhan Rahmati