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Missbrauchsstudie: Pfarrer aus Hamm fordert Aufarbeitung
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Missbrauchsstudie: Pfarrer aus Hamm fordert Aufarbeitung

Eine neue Studie zeigt mehr Fälle sexualisierter Gewalt im Erzbistum Paderborn als bislang bekannt. Auch ein Hammer Pfarrer äußert sich zu den Ergebnissen.

 

Veröffentlicht: Freitag, 13.03.2026 13:51

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Missbrauchsfälle im Erzbistum Paderborn

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Im Erzbistum Paderborn, zu dem auch Gemeinden in Hamm gehören, hat es deutlich mehr Fälle sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche gegeben als bisher bekannt. Das geht aus einer neuen unabhängigen Studie der Universität Paderborn hervor. Für die Jahre von 1941 bis 2002 gibt es demnach Hinweise auf 210 beschuldigte Priester und 489 betroffene Kinder und Jugendliche. Zuvor war man von 111 beschuldigten Priestern ausgegangen.

 

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Vertuschung im Erzbistum Paderborn

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Die Untersuchung kommt außerdem zu dem Ergebnis, dass während der Amtszeiten der Kardinäle Lorenz Jaeger und Johannes Joachim Degenhardt Missbrauchsfälle teilweise vertuscht und Täter geschützt wurden. Opfer und ihre Familien seien laut Studie teilweise unter Druck gesetzt worden, Anzeigen zurückzuziehen. Wenn Fälle nicht öffentlich bekannt wurden, konnten beschuldigte Priester ihre Arbeit oft fortsetzen.

 

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Pfarrer aus Hamm geschockt aber nicht überrascht

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Pfarrer Bernd Mönkebüscher aus Hamm zeigt sich von den neuen Zahlen betroffen, überrascht haben sie ihn jedoch nicht.

„Mich hat es nicht überrascht, weil Menschen in den letzten Jahren sprechfähiger geworden sind über ihr Leid, was bis 2010 z.B. nicht so gegeben war, weil ihnen zum großen Teil nicht geglaubt wurde." - Bernd Mönkebüscher

Trotzdem erschreckten ihn die Ergebnisse. „Es sind eben nicht nur Zahlen, sondern Lebensgeschichten und Verbrechen“, so Mönkebüscher. Gleichzeitig gehe er davon aus, dass die jetzt bekannten Fälle noch nicht das gesamte Ausmaß zeigen. Manche Betroffene würden sich möglicherweise nie melden, etwa aus Scham oder anderen persönlichen Gründen.

 

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Präventionsarbeit in Hamm

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Auch in Hamm beschäftigt sich die Kirche mit dem Thema. Zur Prävention gebe es seit Jahren verpflichtende Schulungen für haupt- und ehrenamtlich Mitarbeitende. Diese sollen für mögliche Grenzverletzungen sensibilisieren und helfen, Missbrauch frühzeitig zu erkennen. Die Aufarbeitung selbst sei jedoch schwierig. „Menschen müssen davon überzeugt sein, dass ihnen ihre Leidensgeschichte geglaubt wird“, sagt Mönkebüscher. Aus seiner Sicht kann es dabei auch sinnvoll sein, dass Betroffene sich an unabhängige Stellen wenden.

„Es kann helfen, sich an nicht kirchliche Anlaufstellen zu wenden, weil immer auch die Sorge bestehen kann, dass die in der Kirche unter einer Decke stecken.“ - Bernd Mönkebüscher

In Hamm habe es zuletzt auch Gespräche innerhalb der Gemeinden gegeben. So waren beispielsweise Pfarrgemeinderäte im Austausch mit dem Interventionsbeauftragten des Erzbistums, um über Erfahrungen, Fragen und auch über die eigene Ohnmacht im Umgang mit dem Thema zu sprechen.

 

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Klima der Angst in der Kirche

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Grundsätzlich sieht Mönkebüscher auch strukturelle Fragen innerhalb der katholischen Kirche. „Missbrauch setzt immer auch ein Machtgefälle voraus“, sagt er. Deshalb müsse stärker über Machtstrukturen in der Kirche gesprochen werden. Auch andere Themen hält er für diskussionswürdig.

„Ich glaube, dass Fragen der Sexualmoral in der katholischen Kirche neu beantwortet werden müssen. Das setzt die Möglichkeit offenen Redens voraus. Ich glaube, in unserer Kirche gibt es immer noch ein Klima der Angst.“ - Bernd Mönkebüscher
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Zweiter Teil der Studie geplant

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Darüber hinaus müsse sich die Kirche weiter mit der eigenen Vergangenheit auseinandersetzen. Mönkebüscher verweist dabei auch auf die Priesterausbildung in früheren Jahrzehnten. Teile der in der Studie beschriebenen Strukturen habe er selbst erlebt. Rückblickend stelle sich für ihn auch die Frage, warum damals vieles nicht stärker hinterfragt worden sei.

"Wenn ich dann lese, dass es 1988 noch ein Tanzverbot gab bei einem Sommerfest, dass zum ersten Mal in der Mitte der 80er eine Frau einen Vortrag im Konvikt gehalten hat: das habe ich ja erlebt, teilweise verdrängt, mit beißendem Humor damals verarbeitet, oder eben nicht verarbeitet und ich frage mich: warum haben wir geschwiegen? " - Bernd Mönkebüscher

Die jetzt veröffentlichte Untersuchung ist der erste Teil einer größeren Studie zum Umgang mit sexualisierter Gewalt im Erzbistum Paderborn. Ein zweiter Teil soll sich mit der Amtszeit des ehemaligen Erzbischofs Hans-Josef Becker von 2002 bis 2022 beschäftigen und ist für das Jahr 2027 angekündigt.

Autorin: Saskia Rudnik

 

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