
Omas Geburtstag, eine Wette und kein bisschen Reue
Ben Böhm alias Lady Sarafina gehört seit 20 Jahren zur Travestie-Szene in Hamm. In der neuen Folge von Hammer Stimmen spricht er über sein Coming-out, St. Pauli, eigene Partys – und seine Sorge um gesellschaftliche Akzeptanz.
Veröffentlicht: Mittwoch, 10.06.2026 04:00
Es ist ein bisschen schummrig in der Wohnung von Ben Böhm. Nur am Esstisch schreit einen die pinke Leuchtreklame „Lets Party“ an, was in Kombination mit dem auffällig knalligen Hemd des Gastgebers und den Knöpfen unseres Mischpults für einen reichlich bunten Mittelpunkt in der Bude sorgt. Und so ist es an diesem Nachmittag doch etwas schrill und damit genau passend für den vielleicht schrillsten Typen der Stadt: Seit 20 Jahren ist Ben Böhm als Lady Sarafina in der Travestiekunst zuhause. Für die neue Folge des Podcasts von WA und Lippewelle zum 800. Geburtstag der Stadt sprechen Michael Knippenkötter und Simone Niewerth mit ihm über sein Outing, seine ersten Auftritte, einen prägenden Ausflug nach St. Pauli und sogar über Politik.
Vom Familien-Gag zur Bühnenfigur
Alles begann mit einem Geburtstag in der Familie und einer Wette – und plötzlich stand Böhm geschminkt und im Kostüm vor seiner eigenen Großmutter auf der Bühne. „Ich habe das nur mit sehr viel Alkohol ertragen“, erinnert er sich und lacht. Der Auftritt kam an, es folgten weitere Anfragen, und irgendwann wurde aus dem Gag ein fester Bestandteil seines Lebens. „Dann hat das irgendwie seinen Lauf genommen.“
Lady Sarafina: Outfits so teuer wie ein Kleinwagen
Heute, fast zwei Jahrzehnte später, ist Lady Sarafina längst mehr als nur eine Rolle. Tagsüber organisiert Böhm in einer Agentur Personal und Abläufe, abends verwandelt er sich in seine Bühnenfigur – mit Make-up, maßgeschneiderten Kostümen und auffälligen Nägeln. Der Aufwand dafür ist beträchtlich: In seine Outfits hat er über die Jahre so viel investiert „wie in einen neuen Kleinwagen“, sagt er. Nichts wird weggeworfen, selbst das erste Kostüm hat er noch.
Coming-out als Wendepunkt
Dass Böhm diesen Weg einschlägt, ist keine Selbstverständlichkeit. Er beschreibt sich selbst als früher schüchternen Jugendlichen, der Konflikten auswich. Erst sein Coming-out mit 18 Jahren wurde zum Wendepunkt. „Da ist ganz viel abgefallen. Dann habe ich die Klappe nicht mehr gehalten.“ Die Reaktionen im Umfeld seien zunächst von Unsicherheit geprägt gewesen, erzählt er. Heute begleitet ihn seine Mutter regelmäßig zu Auftritten.
Ein Jahr St. Pauli: Bühne, Party, Publikum
Trotz aller Veränderungen ist Böhm in Hamm geblieben. Anders als viele zog es ihn nicht dauerhaft in größere Städte mit etablierter Szene. Zwar verschlug es ihn zwischenzeitlich nach Hamburg – in die Olivia-Jones-Bar auf St. Pauli. Ein Casting, für das er sich spontan anmeldete, brachte ihn dorthin. Das Jahr beschreibt er als intensiv: Bühne, Party und Publikum.
Was Ben Böhm in Hamburg gelernt hat
„Fünf Tage am Stück gute Laune“, gehen an die Substanz. Gleichzeitig habe er dort gelernt, Menschen nicht vorschnell zu beurteilen. Begegnungen hätten ihm gezeigt, wie schnell Schubladen entstehen – und wie falsch sie oft sind. Im Podcast führt er Beispiele und Erfahrungen aus, ganz ohne Umschweife.
Wieder zurück in Hamm begann Böhm, das Nachtleben vor Ort selbst mitzugestalten. Mit eigenen Partys und später mit seinen eigenen Bars schuf er Treffpunkte, die es so zuvor kaum gegeben hatte. Die Resonanz sei überwiegend positiv gewesen. „Ich habe mich hier nie eingeschränkt gefühlt“, sagt er. Auch befürchtete Anfeindungen blieben aus.
Sorge vor der politischen Zukunft in Deutschland
Dennoch blickt Böhm nicht unbeschwert auf die gesellschaftliche Entwicklung. Besonders der Aufstieg der AfD beschäftigt ihn. „Ich glaube, wir werden irgendwann unter blauer Flagge laufen“, sagt er. Seine Befürchtung: dass sich gesellschaftliche Akzeptanz wieder zurückentwickeln könnte. Erst dürften es die Ausländer zu spüren bekommen, dann die Homosexuellen. Diskussionen mit AfD-Anhängern hält er für schwierig: „Die haben ihre Meinung. Da kommst du nicht mehr ran.“