
So wenige Azubis wie nie: Hamm spürt den Trend
Die Zahl der Azubi-Abschlussprüfungen in NRW ist 2024 auf einen historischen Tiefstand gesunken - auch Hamm ist betroffen. Gleichzeitig kämpft das Handwerk in der Region mit rückläufigen Bewerberzahlen und unbesetzten Ausbildungsstellen.
Veröffentlicht: Donnerstag, 13.11.2025 07:29
Corona-Jahrgänge prägen Ausbildungsmarkt in Hamm und NRW
Die Auswirkungen der Corona-Pandemie sind noch heute auf dem Ausbildungsmarkt spürbar. Information und Technik Nordrhein-Westfalen als Statistisches Landesamt verzeichnet für 2024 so wenige duale Abschlussprüfungen wie noch nie seit Beginn der Erhebung 1976. Mit nur 85.800 Prüfungen wurden 20,7 Prozent weniger absolviert als noch vor zehn Jahren. Im Vergleich zu 2014 sank die Teilnehmerzahl von 108.100 auf 85.800 Auszubildende. Die Entwicklung zeigt, wie sich die reduzierten Ausbildungsverträge während der Pandemie nun drei Jahre später auswirken.
In Hamm zeigt sich der landesweite Trend ebenfalls deutlich. 924 Auszubildende traten 2024 zu ihrer Abschlussprüfung an, von denen 768 erfolgreich bestanden – das entspricht einer Erfolgsquote von 83,1 Prozent und liegt unter dem NRW-Durchschnitt von 88,1 Prozent. Die Geschlechterverteilung zeigt nur minimale Unterschiede: Von 570 männlichen Prüflingen bestanden 474 ihre Prüfung (83,2 Prozent), während von 354 weiblichen Teilnehmerinnen 294 erfolgreich abschlossen (83,1 Prozent).
Weniger Neuverträge belasten Hammer Ausbildungsmarkt
Der Rückgang hat zwei Hauptursachen: weniger neue Ausbildungsverträge und steigende Abbrecherquoten. Im Corona-Jahr 2020 begannen in ganz NRW 103.200 neue Azubis eine duale Ausbildung – das waren 10,8 Prozent weniger als im Vorjahr. Da eine duale Ausbildung typischerweise drei bis dreieinhalb Jahre dauert, beendeten diese schwächer besetzten Jahrgänge ihre Lehre größtenteils 2023 und 2024. Parallel dazu stieg die Zahl der vorzeitig gelösten Ausbildungsverträge landesweit auf über 37.100 – ein Anstieg von 21,4 Prozent gegenüber 2014.
Die Handwerkskammer Dortmund, zu deren Bezirk auch Hamm gehört, meldet für das laufende Ausbildungsjahr gemischte Signale. Von Januar bis Oktober 2025 wurden insgesamt 3.693 neue Ausbildungsverträge abgeschlossen – ein Rückgang von 2,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Während Hamm zu den Regionen mit leichten Zuwächsen zählt, zeigen andere Bereiche des Kammerbezirks deutliche Rückgänge. Besonders beliebt waren die Berufe Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik, Augenoptiker und Bäcker.
Handwerk in Hamm kämpft mit Fachkräftemangel
Die Unternehmen im Kammerbezirk signalisieren weiterhin eine hohe Ausbildungsbereitschaft, finden aber immer seltener geeignete Bewerberinnen und Bewerber. Viele Ausbildungsstellen bleiben unbesetzt, während qualifikatorische Passungsprobleme zunehmen – insbesondere beim Arbeits- und Sozialverhalten sowie bei der mentalen Leistungsfähigkeit der Jugendlichen. Die wirtschaftliche Schwäche wirkt sich nun auch direkt auf den Ausbildungsmarkt aus: Investitionen in Ausbildung konkurrieren mit akuten Kostensorgen, was besonders kleinere Betriebe vor große Herausforderungen stellt.
Trotz der quantitativen Herausforderungen bleibt die Qualität der dualen Ausbildung konstant. Von den 85.800 Abschlussprüfungen 2024 wurden über 75.500 erfolgreich bestanden, was einer stabilen Erfolgsquote von 88,1 Prozent entspricht. Diese Quote blieb über die letzten zehn Jahre weitgehend konstant und zeigt, dass die Ausbildungsqualität trotz der Corona-bedingten Rückgänge nicht gelitten hat.
"Die aktuellen Zahlen zeigen deutlich, dass die duale Ausbildung im Handwerk vor großen Herausforderungen steht. Immer mehr Betriebe melden offene Ausbildungsstellen, finden aber keine passenden Bewerber. Umso wichtiger ist es, jetzt gemeinsam mit allen Akteuren flexible und innovative Wege zu gehen, um junge Menschen für das Handwerk zu begeistern und die Fachkräftesicherung in unserer Region langfristig zu sichern." - Olesja Mouelhi-Ort, Geschäftsführerin der Handwerkskammer Dortmund
Ausblick: Herausforderungen für Betriebe in Hamm
Die Entwicklung zeigt deutlich, wie sich strukturelle Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt auswirken. Auszubildende, die ihre Prüfung nicht bestehen, haben die Möglichkeit, sie zweimal zu wiederholen. Doch die eigentliche Herausforderung liegt bereits früher: bei der Gewinnung von Nachwuchs für die duale Ausbildung. Die Handwerkskammer Dortmund setzt daher verstärkt auf Beratungsangebote, Informationsveranstaltungen und Kooperationen mit kommunalen Organisationen, um junge Menschen für das Handwerk zu begeistern.
Autorin: Jacqueline Schlüsener