
"Türkisch für Anfänger" - eine Lehrerin aus Hamm erzählt
Senay Erdogan unterrichtet Türkisch, Deutsch und Geschichte an der Friedensschule Hamm und erlebt hautnah, wie sich Sprache und Kommunikation unter Jugendlichen verändert haben. Im Podcast spricht sie über Mehrsprachigkeit, Social-Media-Verbote, sinkende Aufmerksamkeitsspannen im Unterricht - und darüber, was eine Lehrerin mit Herzblut in Hamm hält.
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Als Senay Erdogan vor rund 15 Jahren Post aus Arnsberg bekam, war die Freude überschaubar. Die angehende Lehrerin aus Duisburg hatte sich das Referendariat möglichst nah an der Heimat vorgestellt. Duisburg, Essen, Oberhausen – so lauteten die Wunschorte. Stattdessen stand auf dem Schreiben: Hamm. Was folgte, war eine private wie berufliche Erfolgs- und Liebesgeschichte, wie die 41-Jährige im Podcast „800 Jahre – 8 Persönlichkeiten“ mit Lippewellen-Moderatorin Simone Niewerth und WA-Lokalchef Michael Knippenkötter verrät.
Erdogan unterrichtet heute an der Friedensschule die Fächer Türkisch und Deutsch, engagiert sich als Beratungslehrerin und lebt mit ihrer Familie im Hammer Westen. Irgendwann, erzählt sie, habe sich das Gefühl eingestellt, angekommen zu sein.
Dabei ist Erdogans eigene Geschichte eng mit dem Thema Sprache verbunden. Ihre Mutter kam als Jugendliche nach Deutschland, ihr Vater folgte später aus der Türkei. Dort war er Literaturlehrer gewesen. Für die Liebe gab er seinen Beruf auf und begann in Deutschland noch einmal ganz neu. Statt vor einer Klasse stand er fortan bei der Kupferhütte in Duisburg als Schlosser und Schweißer an der Arbeit.
Sprache der Schüler verändert sich
„Ich glaube, Lehrer zu sein, war immer sein Herzenswunsch“, sagt Erdogan. Dass sie selbst diesen Berufsweg eingeschlagen hat, empfindet sie auch als eine Art Fortsetzung seines Traums.
An der Friedensschule ist der Türkisch-Unterricht ein Angebot, das grundsätzlich allen Schülerinnen und Schülern offensteht. Tatsächlich wählen den Kurs aber überwiegend Kinder mit familiären Bezügen zur Sprache. Doch auch dort beobachtet Erdogan seit Jahren einen Wandel. „Die Kinder sprechen zu Hause einfach nicht mehr richtig Türkisch“, sagt sie. Was früher häufig eine sichere Muttersprache gewesen sei, werde zunehmend zu einem Mix aus Deutsch und Türkisch. Selbst Lehrpläne müssten deshalb regelmäßig angepasst werden. Viele Kinder hätten heute deutlich größere sprachliche Schwierigkeiten als noch vor zehn Jahren.
Dabei sei eine stabile Muttersprache nach ihrer Überzeugung und wissenschaftlichen Erkenntnissen die Grundlage für erfolgreiches Lernen weiterer Sprachen. Eltern rät sie deshalb, mit ihren Kindern konsequent die Sprache zu sprechen, die sie selbst am besten beherrschen. „Wenn das Türkisch, Arabisch oder Russisch ist, dann sollten sie genau diese Sprache zu Hause sprechen.“
Witzig wird es an der Stelle, an der sie davon berichtet, wie dieser Plan bei ihrer mittlerweile zehnjährigen Tochter nur so halb aufgeht: Denn die spricht zunächst fließend und mit Begeisterung Türkisch. Im Kita-Alter schwenkt sie schließlich komplett auf Deutsch um – und möchte gar nicht mehr die Muttersprache ihrer Eltern sprechen. Was macht man da als Mutter?
Emojis in Klassenarbeiten
Senay Erdogan erzählt lebhaft und unterhaltsam von dieser Episode in ihrem Leben, aber auch von den Auswirkungen digitaler Medien auf Kinder und Jugendliche aus Lehrersicht. Täglich beobachtet sie, wie sich Kommunikationsverhalten verändert. In Klassenarbeiten tauchen inzwischen Emojis auf – oder Wörter werden wie in Chatnachrichten abgekürzt. „Dann heißt es: ,Frau Erdogan, Sie wissen doch, was ich meine‘“, erzählt sie.
Einen großen Teil ihrer Arbeit verbringt Erdogan inzwischen nicht mehr nur im Klassenraum. Als Beratungslehrerin betreut sie den „Ankerplatz“ der Friedensschule. Dort finden Schülerinnen und Schüler Hilfe bei familiären Problemen, Streitigkeiten, Liebeskummer oder einfach dann, wenn sie jemanden zum Zuhören brauchen. Eine beeindruckende Einrichtung.